Schattenwelt

Ich werde meine Zeit nicht mehr verschwenden. Ich bin frei, endlich! Ich habe keine Angst mehr und niemand muss vor mir Angst haben.
Ich nutze meine Zeit, auch wenn sie keine Rolle mehr spielt. Das klingt schizophren, ich weiß, aber die Dimensionen haben sich geändert. Ich lebe nicht mehr und doch scheint es, dass ich auch nicht tot bin. Ich bin gestorben, das ist gut so, und doch denke und fühle ich noch. Wo ich bin spielt keine Rolle. Ich bin nicht bei Gott und auch nicht in der Hölle. Ich bezeichne es als eine Art Zwischenwelt. Ob das so richtig definiert ist, weiß ich nicht.
Ich weiß nur, ich bin frei und es geht mir gut. Die lange Zeit des Grauens hat ein Ende gefunden.
Es ist der 6.6. 1966, der verhängnisvolle Tag meiner Geburt. Meine Mutter hatte keinerlei Schmerzen, sie lächelte sogar, als sie mich gebar. Die Ärzte standen vor einem Rätsel. Sie gratulierten den glücklichen Eltern, zu diesem außergewöhnlichen Baby, das unter einem besonderen Schutz zu stehen schien. Einfach und unkompliziert hatte sich die Geburt gestaltet, als dürfe dem Kinde unter keinen Umständen etwas zustoßen. Mutter nannte mich immer ihr Engelchen. Ich erinnere mich gerne, an ihr wunderschönes Lächeln.
Meine Eltern liebten mich über alles. Ein Teil von mir, mein eigentliches Ich, liebte sie auch. Ich hatte kein Anrecht auf Liebe, und ich durfte nicht lieben. Aber Liebe lässt sich nicht steuern. Liebe ist ein Gefühl der Seele und ich habe eine Seele, auch wenn ich niemals wie andere Kinder war.
Ich entwickelte mich zum Beispiel viel schneller. Mit nur drei Monaten bekam ich meine ersten Zähnchen und biss meiner Mutter so grausam in die Brustwarze, dass diese gezwungen war abzustillen, sofort. Mit fünf Jahren hatte ich schon den IQ Albert Einsteins. Meinen Eltern war ich oftmals, mehr als unheimlich. Sie warfen alle Bücher über Babys und die Entwicklung des Kindes in den Müll. Ich denke ich überforderte sie, und das nicht nur mit meiner Intelligenz.
Ich schrie nächtelang und schlief Tags wie ein Murmeltier. Es war niemals meine Schuld. Etwas hinderte mich daran, jagte mir Angst ein. Es war schon damals diese übermächtige Furcht, die mich ein Leben lang begleiten sollte.
An meinem 6. Geburtstag gab es einen Wandel in meinem Leben. Ich konnte plötzlich erkennen was mir die kalten Schauer, Nacht für Nacht, über den Rücken laufen ließ. Es waren schwarze Schatten, sie waren überall, sie umkreisten mich. Wenn mir vor Angst der Atem stockte, konnte ich sie wispern hören. Ich verstand niemals den Sinn ihrer Worte und doch wusste ich genau, sie bedeuteten nichts Gutes.
Vater und Mutter zogen wegen meiner nächtlichen Angstattacken einen Kinderpsychologen zu Rate. Ich durfte niemandem von den schwarzen Schatten erzählen, auch nicht meinen Eltern, geschweige denn irgendeinem dahergelaufenen Psychofritzen. Es hätte ein großes Unglück zur Folge gehabt, das sagte mir meine Intuition. Als ich bei Dr. Michigan eintrat, lächelte ich nur müde. Der Mann mochte ja intelligent sein, konnte mir aber garantiert nicht das Wasser reichen, auch wenn ich erst zarte sechs Jahre alt war.
Er wollte wissen, welche Dinge mir Angst einjagten. „Männer mit weißen Kitteln“, antwortete ich spontan.
Dr. Michigan stutzte einen Moment und zog daraufhin sofort seinen Kittel aus. Das gefiel mir. Ich hatte ihn schon in der Hand. Er zeigte mir seltsame Bilder mit besseren Tintenklecksen und wollte wissen, was ich darauf erkennen könne. Ich erkannte Monster, Geister, Fratzen. Ich wusste, dass ich die falschen Antworten gab. Es machte mir nichts aus. Er konnte mir nichts anhaben, dieser Doktor, der beinahe lächerlich aussah ohne seinen weißen Kittel. Als er sich verabschiedete drückte er mir väterlich die Hand und meinte“: Wir werden dir helfen, du kommst an einen hübschen Ort, mit vielen anderen Kindern, eine Art Urlaub. Ich musste innerlich lachen. Für wie dumm hielt mich dieser Mann eigentlich, er sprach von Urlaub und meinte eigentlich die Jugendpsychatrie. Er würde meine Eltern anrufen und ihnen den Vorschlag unterbreiten, und meine Eltern würden ihn annehmen, in der Hoffnung, dass alles besser und das arme Kind sich normalisieren würde. Ich lächelte ihn höflich an und machte einen Knicks, wie es sich für ein feines Mädchen gehört. Ihn traf keine Schuld. Er konnte es nicht wissen. Ich würde niemals normal sein, niemals wie andere Menschen unbelastet und angstfrei. Die Schatten ließen es nicht zu.
Meine Eltern liebten mich sehr, auch sie traf keine Schuld. Sie wollten mir helfen, aber es war eine Einmischung. Eine unerlaubte Einmischung! Die Schatten waren verärgert.
Der Tod ereilte sie schnell. Sie und Dr. Michigan. Sie waren gemeinsam auf dem Weg, das Therapiezentrum für mich zu besichtigen. Dabei kamen sie von der Landstraße ab und knallten an einen Baum. Die Polizei vermutete Wildwechsel als Ursache für den Unfall, aber ich wusste es besser. Ich hätte sie nicht lieben dürfen. Es war mir schon lange klar gewesen, dass ich sie verlieren würde. Die Schatten duldeten niemanden neben sich. Ich wurde geschützt für etwas Schreckliches, dass sie mit mir vorhatten.
Egal wo immer ich war, ich war niemals alleine. Sie waren allgegenwärtig. Es beschränkte sich von nun an nicht mehr nur auf die Nächte. Sie verfolgten mich auch am Tage überall hin. Ich fühlte mich von Gott ganz und gar verlassen. Um mich herum war nur noch das Grauen, das Böse. Ich traute mich nicht zu ihm zu beten, ihn um Hilfe zu anzuflehen. Sobald ich an Gott dachte, wurden die Schatten größer, mächtiger, das Wispern lauter, die Töne schärfer. Auch Gott durfte in meinem Leben keine Rolle spielen. Nach dem Tod meiner Eltern kam ich zu Tante Lisbeth, Mutters Schwester. Wieder ließ mich meine Intuition nicht im Stich. Sie gehörte auch den schwarzen Schatten an. Sie war eine Komplizin, eine Handlangerin des Grauens.
Sie liebte mich nicht, verhielt sich jedoch immer korrekt. Ich hatte alles, was sich ein Kind nur wünschen konnte. Ein großes Haus mit Schwimmbad, Spielsachen in Hülle und Fülle, nur eines hatte ich nicht, die Liebe eines Menschen. Ich sehnte mich mit aller Kraft meiner innewohnenden Seele, die noch immer nicht ganz den schwarzen Schatten gehörte, nach meinen Eltern und deren Liebe. Es war seltsam. Ich wurde nicht nur nicht geliebt, im Grunde genommen mochte mich niemand besonders gerne und viele hassten mich regelrecht. Ich blieb immer eine Außenseiterin. Das belastete mich sehr. Sie kannten meine tiefsten Geheimnisse nicht, sie konnten mich nicht verstehen. Mein Leben war für etwas anderes bestimmt, nicht für Freundschaft, Liebe, Glück. Für etwas Dramatisches, und ich sah mich außerstande es zu ändern.Ich konnte mit niemandem darüber reden, das machte mich einsam.
Ich war meinen Mitmenschen unheimlich. Kleine Ereignisse mit großen Folgen, für die ich nichts konnte, wurden mir zugeschrieben, was nicht verwunderlich war. Ich trug keine Schuld, es waren die Schatten die mich schützten. Sobald ein Mitschüler zu mir böse war, musste ich damit rechnen, dass ihm etwas zustoßen würde. Ich weiß noch, wie mir einmal Steven in der 7. Klasse ein Bein stellte und ich mit dem Kopf auf die Tischkante fiel. Ich hatte keine schwere Verletzung und dennoch hörte ich die Schatten, wie sie aufbrausten. Dumpf und beängstigend flüsterten sie ihre geheimnisvollen Worte.
Keine drei Tage später erhielten wir, von unserem Lehrer, die Nachricht, dass Steven nicht mehr in die Schule kommen würde, in absehbarer Zeit. Er lag im Koma. Nach einem Treppensturz, war er nicht mehr zu sich gekommen. Solche Geschichten kamen öfter vor, bis alle verstanden hatten, dass es klüger war mich in Ruhe zu lassen. Ich wurde gemieden und mied die anderen, um keinen in Gefahr zu bringen.
Umso mehr verwirrte es mich, als ich mich im süßen Alter von 17 Jahren in einen Jungen der Nachbarklasse verliebte. Er hieß Thomas, war stattliche 1,90m groß und sah sagenhaft gut aus. Bei mir paarte sich Intelligenz mit einem sensationellen Äußeren. So unglaublich es klingen mag, es dauerte keine zwei Wochen und er verliebte sich auch in mich. Ich fragte mich später immer wieder, warum ich nicht schon damals stutzig wurde.
Ängstlich darauf bedacht diese Liebe zu hüten wie ein Heiligtum, tat ich alles um zu verhindern, dass Tante Lisbeth davon erfuhr. Sie hätte mir sofort jeglichen Kontakt zu Thomas verboten. Das durfte niemals passieren. Ich war das erste Mal in meinem Leben wirklich glücklich. In manchen Momenten fühlte ich mich beinahe wie ein normaler Teenager. Auch die schwarzen Schatten verloren in dieser Zeit etwas von ihrem Schrecken. Ich verdrängte den Gedanken daran, dass Menschen die ich abgöttisch liebte, die mich liebten, sterben mussten. Es war eigentlich eine unverantwortliche Liebe, ich war aber außerstande sie zu kontrollieren.
Nach ein paar Monaten kam Tante Lisbeth dahinter. Sie lächelte und freute sich angeblich für mich. Natürlich war sie enttäuscht, dass ich ihr nichts erzählt hatte. Sie lud Thomas und mich sogar in ein Restaurant ein und verstand sich außerordentlich gut mit ihm. Kein Wort des Verbotes. Er wurde vollkommen akzeptiert. Es ging ihm blendend, bis jetzt, was ihm noch nichts zugestoßen.
Je mehr ich darüber nachdachte, desto argwöhnischer wurde ich. War Thomas etwa ein Eingeweihter? Es konnte nicht anders sein. Er gehörte dazu, war Teil des schrecklichen, grauenhaften Planes, den man mit mir vorhatte. Ein Heuchler der Liebe. Je vehementer er mir seine Liebe gestand, desto mehr steigerten sich fortan meine Hassgefühle gegen ihn. Ich glaubte nichts mehr, mein Vertrauen war gänzlich weg. Ich war trotz allem unfähig die Beziehung zu beenden. Sobald ich die Sätze aussprechen wollte: -Es ist vorbei mit uns Beiden-, erhoben sich laut und mächtig bebend die schwarzen Schatten. Ich fühlte mich wieder schwach und hilflos und vor allem einsam.
Die Zeit verging und Thomas drängte immer öfter, mit mir die Liebe vollziehen zu wollen. Ich lehnte kategorisch ab, trotzdem blieb er bei mir. Das machte ihn nur verdächtiger.
Die Nacht, in der Thomas ums Leben kam, ist mir nur noch schemenhaft in Erinnerung. Wir waren auf einer Party. Er hatte ziemlich viel getrunken. Gegen zwei Uhr morgens zog ich ihn schließlich in mein Auto, um ihn nach Hause zu fahren.
Er fing an mich zu betatschen, er ließ nicht locker, wurde immer massiver. Ich musste schließlich das Auto anhalten um uns nicht in Gefahr zu bringen.
Thomas hauchte mir feuchte Worte ins Ohr. Er wolle mich jetzt und hier. Er würde mir zeigen, was für ein Mann er sei und ich würde es nicht bereuen. Ich stieß ihn weg, immer wieder, aber er bedrängte mich mehr und mehr. Er war stärker. Eine grauenhafte Angst überkam mich.
Die Schatten waren da, sie griffen nicht ein, sie murmelten nicht bedrohlich. Im Gegenteil sie lachten dunkel und höhnisch. Von da an weiß ich nicht mehr genau was geschehen ist. Ich kam in einem weißen, unfreundlichen Raum zu mir. Ich kann nur berichten, was ich von den Ärzten weiß. Ich hatte Thomas ermordet, ihm das Genick gebrochen. Ich weiß noch, als er mich küssen wollte, wurde mir plötzlich klar, dass er mich schwängern sollte. Das war der Plan, ich sollte das Kind des Bösen gebären. Wie es aussah, hatte ich mich erfolgreich dagegen gewehrt. Man sperrte mich in eine Anstalt. Sie kannten meine Geschichte, mein Leben. Ich kann mich nicht erinnern, ihnen von den schwarzen Schatten, meinen Gedanken erzählt zu haben und doch wussten die Ärzte alles. Ich bekam Medikamente, die Schatten wurden dadurch für mich unsichtbar, ich konnte sie nicht mehr wahrnehmen und wusste doch, sie waren präsent. Das machte sie noch gefährlicher für mich. Ich war so gefangen, so traurig so einsam und ängstlich. Am 6.6.1966 wurde ich geboren, in die Gefangenschaft einer Schattenwelt. Am 7.9.1985 starb ich, um meine Freiheit zu erlangen. Wie ich mich tötete habe ich vergessen. Ich weiß nur, es ging sehr schnell und ich habe nicht gelitten. Ich habe meine Bestimmung vereitelt und nicht das Kind des Bösen ausgetragen. Letztendlich hat ihnen meine Seele niemals gehört. Ich habe gesiegt und verloren zugleich.
Ich bin frei, unendlich frei, nicht bei Gott und nicht in der Hölle. Vielleicht ist das die wirkliche und einzig wahrhaftige Freiheit, die ein Mensch erlangen kann.

© Germaine Wittemann