Frau Lube

Sie schiebt den schweren Rollstuhl, in dem ihr Mann sitzt, die steile Gasse hoch in Richtung Klosterkapelle. Die Sonne brennt heiß und unerbittlich auf sie herunter, aber das Beten am Sonntag lassen sich die Beiden nicht nehmen. Sie hält einen Moment inne und wischt sich den Schweiß von der Stirn.
Viele Menschen, mit dem gleichen Ziel, laufen an ihnen vorüber. Manche grüßen kurz, andere werfen ihnen nur mitleidige Blicke zu. Wie jeden Sonntag, wird der Herr Pfarrer, von Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft predigen und Hoffnungen in ihr wecken. Nächsten Sonntag wird sie wieder alleine den Rollstuhl, die beschwerliche Strecke zur Kapelle schieben müssen. Der Weg zu Gott ist oftmals unbequem. Sie haben es nicht einfach, sie und ihr Mann Franz. Sie hatten es noch nie leicht gehabt. Kurz nach ihrer Hochzeit bekamen sie die erschreckende Diagnose, dass er an Multipler Sklerose erkrankt sei. Zu Anfang hatte er nur Sehprobleme und ab und zu Muskelzuckungen, aber bald schon verschlechterte sich sein Zustand rasant und er konnte kaum noch laufen. Jetzt ist er fast vollständig gelähmt und abhängig von ihr. Er hat lange Zeit von Selbstmord gesprochen, aber selbst dafür bräuchte er sie. Irgendwann hat er aufgegeben und sich in sein Schicksal gefügt.
Sie hatte sich ihr Leben anders vorgestellt. Ein hübsches Haus, fröhliche Kinder, Urlaube mit der Familie und vor allem finanzielle Sicherheit, das hätte sie sich gewünscht. Doch das Schicksal hat es anders gewollt.
Sie hat es endlich geschafft und schiebt den Franz in die kühle Kapelle. Er nimmt etwas Weihwasser und schlägt das Kreuz. Trotz seines schweren Leides, hat er niemals seinen Glauben verloren.
Sie stellt sich mit ihm in die linke, dunkle Ecke neben dem Eingang. Sie bleiben immer ganz hinten, im Verborgenen. Sie wollen sich nicht den Blicken der Leute aussetzen. Sie sind hier um Gott nahe zu sein, nicht den Menschen.
Franz bittet sie, wie immer, am Ende der Predigt die Hostie empfangen zu dürfen. Sie erfüllt ihm diesen Wunsch nie, weil sie sich genötigt fühlen würde, sie auch anzunehmen, das will sie aber nicht. Sie hat ihre Gründe.
Sie fleht, wie jeden Sonntag, unseren Herrn um ein Wunder an und betet ein Vaterunser. Es wird, wie immer vergeblich sein. Wunder sind für andere da, nicht für sie.
Als sie die kleine Klosterkapelle verlassen, schlägt ihnen hart eine Hitzewand entgegen. Die schmale Gasse führt nun bergab und der Rollstuhl fährt fast von alleine hinunter.
Zu Hause wäscht sie ihren Franz mit einem Waschlappen kalt ab. Er schwitzt immer stark und riecht dann streng, nach den Medikamenten die er einnehmen muss. Sie hasst diesen Geruch. Mit den Jahren ist er ihr immer mehr zuwider geworden. Er erinnert sie daran, dass Krankheit und Leid über ihnen liegt und dass es keine Hoffnung gibt. Er lässt sie nicht vergessen und macht es ihr unmöglich, selbst für kurze Zeit ihr schweres Los zu verdrängen. Sich in der ganzen Wohnung ausbreitend, legt er sich über sie, wie ein Leichentuch und lässt ihr keine Luft zum atmen.
Für die Leute im Ort, sind sie Herr und Frau Lube. Man kennt sich vom Sehen und grüßt sich. Aber mehr weiß man nicht voneinander.
Leute wie Herr Lube machen Angst. Man neigt dazu, sich nur mit positiven Dingen umgeben zu wollen, da passen kranke Menschen wie der Franz, nicht rein.
Sie haben sich mit den Jahren arrangiert. Zweimal am Tag kommt eine Frau von der Sozialstation, um ihr bei der Arbeit, mit ihrem Mann, zur Hand zu gehen. Dafür ist sie dankbar.
Finanziell geht es ihnen mittlerweile besser, weil sie eine Arbeit gefunden hat in der Stadt. Die Medikamente ihres Mannes verschlingen sehr viel Geld und früher hatten sie manchmal nicht einmal genug zum Essen gehabt. Jetzt geht es ihnen in der Hinsicht wenigstens besser. Sie kann den Franz nur abends alleine lassen, wenn er im Bett liegt und schläft und sie nicht mehr braucht. Sie hat zum Glück eine Anstellung finden können, die zeitlich passt. Jeden Abend, pünktlich um 21 Uhr bekommt er seine Schlaftablette, sie verlässt die Wohnung und fährt, in die über 60 km entfernte Stadt.
Dort kennt sie niemand. Sie betritt ein kleines unansehnliches Gebäude und begibt sich auf direktem Wege in das obere Stockwerk, wo ihr am Ende des Ganges, ein Zimmer zugeteilt ist. Meist schlägt ihr stickige Luft entgegen. Auch heute hat die Kollegin vor ihr nicht gelüftet. Sie scheint die Gerüche zu lieben, die die Herren hinterlassen. Schweiß und der Geruch von schweren Männerparfums, erfüllen den dunklen Raum. Sie reißt die Fenster auf und schaltet das rote, schummrige Licht an. Es wirft diffuses Licht auf ihr glanzloses Haar.
Die Arbeit hat sie schnell altern lassen. In fünf Minuten geht ihre Schicht los. Sie schließt die Fenster wieder und schlüpft in ein schwarzes Dessous.
Für die Leute in ihrem Ort, ist sie die brave Frau Lube, die um diese Uhrzeit kellnern muss, um sich und ihren Mann über Wasser zu halten. Auch Franz denkt das. Keiner weiß, dass sie eine Sünderin ist. Nur sie, ihre Freier und Gott. Sie hat unzählige Male um ein Wunder gebeten, aber die sind nur für andere da. Sie legt sich auf das, in Satin gehüllte Bett und wartet. Die Tür geht auf und ihr erster Kunde tritt ein.
Sie erschreckt sich. Es ist ihr Nachbar, der Witwer Kutsch.
Er schaut sie genauso entsetzt an, wie sie ihn.
Zuerst macht er Anstalten den Raum zu verlassen, überlegt es sich dann aber anders und setzt sich zu ihr aufs Bett.
Sie reden die ganze Nacht.
Am frühen Morgen legt er eine gewisse Summe Geld auf den Nachtisch und geht.

Sie schiebt den schweren Rollstuhl, in dem ihr Mann sitzt, die steile Gasse hoch in Richtung Klosterkapelle. Es ist heiß und sie hat das Gefühl, es heute nicht zu schaffen. Sie überlegt umzukehren. Der Witwer Kutsch läuft vorbei, hält kurz inne und grüßt. Er will weitergehen, überlegt es sich aber anders und nimmt ihr die beschwerliche Arbeit ab. Vor dem Kirchenportal bedankt sie sich und rollt ihren Mann in die kühle Klosterkapelle. Er nimmt ein bisschen Weihwasser und schlägt das Kreuz. Dann fährt sie ihn ganz nach vorne, in die erste Reihe und nimmt Platz.

© Germaine Wittemann