Der Märchenbaum

Es war einmal ein kleines Mädchen, das nichts so sehr liebte wie Geschichten und Märchen. Jeden Abend vor dem Schlafengehen bettelte sie so lange, bis ihre Mutter sich zu ihr ans Bett setzte und ein schönes Märchen erzählte. Erst dann konnte das Kind einschlafen und war sehr glücklich.
So ging das über viele Jahre und niemals wunderte sich das Mädchen, woher die Mutter wohl die schönen Geschichten kannte. Aber eines Tages, da war das Kind schon zehn Jahre alt, begann es doch, sich darüber Gedanken zu machen und fragte die Mutter wie sie wohl zu all den Geschichten gekommen sei. Da erzählte sie ihr vom Märchenbaum.
Wer schön zuhört und gut aufpasst wird schon bald erfahren, wie es dazu kam, dass so viele Geschichten und Märchen sich in der ganzen Welt verbreiteten. Es gibt einen wunderschönen Baum der immer grüne, saftige Blätter trägt und im Lande der sieben Elfen wächst. Auf jedem seiner Blätter steht ein wunderschönes Märchen geschrieben und wenn der Wind ein solches Blatt vom Baum löst, so wird es davongetragen in die Welt hinaus und manchmal wird es von einem Menschen gefunden, der dann glücklicher Besitzer einer wundervollen, zauberhaften Geschichte ist. Da man viel Glück haben muss ein solches Blatt zu finden, war die Mutter des kleinen Mädchens noch vor dessen Geburt zum Märchenbaum gereist und hatte so viele Blätter gepflückt, dass sie jeden Abend eine Geschichte hatte vorlesen können.
„Wie viele Blätter hast du denn noch Mutter?“, fragte da das Kind besorgt, denn es hatte Angst eines Tages auf seine Abendgeschichte verzichten zu müssen.
Die Mutter antwortete traurig: „Mein lieber Schatz, ich habe nur noch drei Blätter übrig. Ich bin aber mittlerweile zu alt und zu müde, um zum Märchenbaum reisen zu können. Auch habe ich keine eigenen Ideen für neue Geschichten. Ich glaube du musst selbst in das Elfenland zu dem Wunderbaum reisen und neue Blätter holen.“
Da weinte das Kind sehr, denn es fürchtete sich ohne seine Mutter. Der Wunsch nach neuen Märchen aber war so stark, dass sich das Kind nach vier Tagen auf den Weg machte. Es hatte ein leckeres Vesper eingepackt, küsste zum Abschied noch einmal die geliebte Mutter und verließ dann bangen Herzens sein sicheres Zuhause.
Das Land der sieben Elfen war sehr weit entfernt und es drohten viele Gefahren bis dorthin. Das Mädchen ging stundenlang durch Felder, Wiesen und Wälder. Manchmal begegnete es einem Zwerg, der sich schnell unsichtbar machte oder einem sprechenden Reh, das ihm den Weg zeigen konnte. Die Welt war voller Wunder und das Kind, das noch nie von zu Hause weg gewesen war freute sich über alles Neue, das es zu entdecken gab.
Als es langsam dunkel wurde bekam das Kind schreckliche Angst. Es war in einen tiefen, dunklen Wald geraten und überall knackte es, da es Tiere gab, die erst bei Nacht erwachten und sich Fressen suchten.
Das Kind fing herzerweichend an zu weinen. Es legte sich auf den feuchten, bemoosten Waldboden und wünschte sich nichts so sehnlich herbei wie seine Mutter. Zudem fehlte ihm eine Geschichte zum Einschlafen.
Da geschah es, dass plötzlich tausende kleine Lichter um es herumtanzten und fröhlich ein schönes Lied sangen.
„Was seid ihr für sonderliche kleine Insekten?“, fragte das Mädchen und setzte sich auf.
„Wir sind Leuchtkäferchen. Wir wissen von deinem Plan und wie angsterfüllt dein Herz ist. Wir sind gekommen, um dir eine Geschichte zu erzählen und deinen Schlaf zu bewachen.“
Da kamen noch mehr Leuchtkäferchen angeflogen und trugen gemeinsam ein Blatt des Märchenbaumes herbei. Ein Vorlesekäferchen flog hinzu und bat um etwas mehr Licht.
Dann las es eine Geschichte vor, die von einem Zaubervogel handelte. Langsam beruhigte sich das Kind und schlief schon bald tief und fest.
Am nächsten Tag waren die Leuchtkäferchen alle verschwunden. Das Kind aß etwas und machte sich weiter auf den Weg.
Da kam es schon bald in ein Dorf und wurde freundlich aufgenommen. Die Menschen dort schienen alle sehr traurig zu sein und das Kind fragte, was denn geschehen sei.
„Uns sind die Märchen ausgegangen“, klagte eine sehr alte Frau und ein anderes Kind fing an zu weinen.
„Ich werde euch Blätter des Märchenbaumes mitbringen. Ich bin auf dem Weg dorthin. Ihr müsst nicht mehr traurig sein“, versuchte das kleine Mädchen zu trösten.
Die alte Frau senkte den Kopf und sprach:
„Der Märchenbaum hat nur noch ein einziges Blatt, dass sich nicht so einfach pflücken lässt. Es ist nämlich so, dass normalerweise für jedes Blatt, das vom Baum genommen wird, zehn neue Blätter nachwachsen, aber nur dann, wenn derjenige der die Geschichte gepflückt hat sie auch weitererzählt und nicht für sich behält.
Leider gibt es aber sehr viele Menschen, die nur an sich denken und die keines der Märchen und Geschichten, die sie gepflückt und gelesen haben, weitergaben und somit konnten keine Blätter nachwachsen und unsere Welt ist arm geworden. Denn was ist denn schon eine Welt ohne Märchen?“
Da musste das Kind der alten Frau recht geben:“ Das ist wohl wahr du liebe alte Frau. Aber sage mir doch bitte, was ist denn nun mit dem letzten Blatt?“
„Dieses Blatt kann nur ein Mensch pflücken von dem der Märchenbaum überzeugt ist, dass es ein Herz hat, das zu teilen vermag. Es ist das letzte Blatt und es erzählt die Geschichte der Hoffnung und Veränderung. Es ist die wichtigste Geschichte die der Baum zu erzählen hat und er gibt diese nicht an jeden heraus.“
„So will ich versuchen, ob ich mich dem Baum als würdig erweise, mir dieses Blatt zu überlassen“, sagte das Mädchen, verabschiedete sich und ging tapfer weiter.
Bald schon kam es ins Elfenland. Dort war es zauberhaft schön. Sanfte Töne und Elfenmusik waren zu hören und der zarte, süßliche Geruch der gelben Elfenröschen hüllte es ein. Das Kind fühlte sich wie in einem Traum. Es fand den Märchenbaum, der ganz einsam und traurig auf einer Lichtung stand.
Das Mädchen sprach ganz leise und sachte mit dem Baum und bat ihn, ihr doch die letzte und wichtigste seiner Geschichten zu überlassen. Da stellte ihr der Baum eine Frage die lautete:
„Was willst du denn mit der Geschichte machen mein Kind?“
Und das Kind antwortete:
„Zuerst werde ich in das Dorf der traurigen Menschen zurückkehren und ihnen die Geschichte erzählen, denn dort gibt es eine alte Frau die bereits weiß, wie wichtig es ist die letzte aller Geschichten überall zu verbreiten. Danach gehe ich in den Wald und erzähle sie meinen lieben Freunden den Leuchtkäferchen, denn das sind sehr viele an der Zahl und ich werde sie bitten überall auszufliegen und allen deine Geschichte zu erzählen. Somit werden dir bald viele, viele neue Blätter nachwachsen.“
„Du bist ein sehr kluges Mädchen. Du wirst schon bald erfahren, warum diese letzte Geschichte so wichtig ist für euch Menschen“, sagte der Baum und schüttelte sich so kräftig, dass sich sein letztes Blatt vom Aste löste und direkt in die geöffnete Hand des Mädchens fiel.
Es bedankte sich und küsste den Baum auf seine alte, harte Rinde. Dann lief es hurtig zurück ins Dorf, um allen Menschen dort die Geschichte, die auf dem Blatt stand, vorzulesen.
Alle Bürger hatten sich schon auf dem Marktplatz versammelt und warteten ungeduldig darauf, denn sie hatten schon so lange kein schönes Märchen mehr gehört.
Auf dem Blatt des Märchenbaumes stand aber gar kein Märchen, sondern nur ein einziger Satz der lautete:
Wer sein Glück mit anderen teilt, wird umso reicher an Glück werden, wer aber nicht teilen will, dessen Herz wird einsam und schwer werden.
Bestürzt schauten sich die Bürger an. Sie hatten nun alle begriffen, was sie falsch gemacht hatten. Von nun an wollten sie alle Geschichten weitererzählen. Fremden und Besuchern, Freunden und Verwandten. Einige zogen gleich hinaus in die Nachbarorte, um die Botschaft des Märchenbaumes weiterzugeben.
Tatsächlich wuchsen dem Baum schon bald viele kräftige, neue Blätter nach. Die kleinen Leuchtkäferchen pflückten Geschichten und flogen damit sogar in fremde Länder, um sie dort Klein und Groß vorzulesen.
Der Märchenbaum war gerettet. Das Mädchen kehrte mit vielen neuen Geschichten zu seiner Mutter zurück. Von nun an aber lud sie ihre Freunde dazu ein, wenn die Mutter vorlas, denn sie wusste, dass die Geschichten des Märchenbaumes nicht nur ganz alleine für sie bestimmt waren und sie damit auch viele andere Kinder glücklich machen konnte.

© Germaine Wittemann