Das Buchstabenmännlein

Charlotte war nun schon sechs Jahre alt und konnte sehr viele Dinge ganz ohne die Hilfe ihrer Eltern erledigen. Manchmal ging sie für ihre Mutter einkaufen. Sie konnte sich die gesamte Einkaufsliste merken und vergaß niemals auch nur ein Lebensmittel zu kaufen. Ja, die kleine Charlotte war ein tolles Kind und wer sie kannte musste sie einfach loben. Sie konnte wunderschön malen, sehr schön singen und schon ihr eigenes Bett machen. Ihre Eltern waren sehr stolz auf sie.
Natürlich gab es aber auch viele Dinge die Charlotte noch nicht konnte. Das machte ihr aber nichts aus, weil sie immer dachte: -Wenn ich erst ein bisschen größer bin, dann kann ich das auch- und damit hatte sie ja auch recht. Mit fünf Jahren musste man noch lange nicht alles können.
Was Charlotte aber wirklich etwas ausmachte war, dass sie nicht lesen konnte. Ihre ältere Schwester Maja ging in die dritte Klasse und konnte schon wunderschöne Bücher lesen. Charlotte bewunderte ihre ältere Schwester, weil sie so schön vorlesen konnte und eine Tages, Maja las ihr gerade eine Geschichte aus einem Märchenbuch vor, hatte sie eine tolle Idee. „Maja“, sagte sie, „wie wäre es, wenn du mir lesen beibringen würdest? Dann könnte ich all die schönen Geschichten selbst lesen.“ „Da musst du schon warten, bis du in die Schule kommst. Ich habe das auch erst dort gelernt“, antwortete Maja und legte das Buch aus der Hand. Sie hatte keine Lust mehr weiter vorzulesen und Charlotte nahm traurig das Märchenbuch in die Hand und blätterte darin. Maja verließ das Zimmer und grinste. Ihre kleine Schwester konnte sowieso schon viele Dinge die sie nicht konnte. Zum Beispiel auf zwei Fingern pfeifen. Zudem konnte sie viel besser klettern und traute sich auf die höchsten Bäume, was sie selbst sich niemals traute. Es war schon gut so, dass sie lesen konnte und Charlotte nicht. Sonst hätten die Eltern die kleine Schwester noch viel mehr gelobt. Maja war ein bisschen eifersüchtig auf ihre Schwester. Das war nicht schwierig zu erkennen.
Die kleine Charlotte setzte sich mit dem Buch in den Schaukelstuhl in der Leseecke im Büro ihres Vaters. Verflixt, was waren das nur für seltsame Zeichen? Punkte, kleine Striche. Sie verstand nicht, wie aus all dem Worte entstehen konnten und ganze Märchen. In ihrem Kopf wirbelte alles durcheinander. Sie hatte das Gefühl nie…nie…niemals Lesen lernen zu können. Sie fing an zu weinen und klappte das Buch fest zu.
„Dann eben nicht!“, schrie sie laut und warf das Buch voller Zorn auf den Boden.
Plötzlich geschah etwas sehr Sonderbares. Aus dem Buch stieg ein kleines biegsames Männlein, schüttelte sich und hielt sich den Kopf. „Aua!“, sagte es und schaute Charlotte vorwurfsvoll an. „Geht man denn so mit Büchern um?“
„Nein, eigentlich nicht“, stotterte Charlotte und krallte sich erschreckt an den Stuhllehnen des Schaukelstuhls fest. Das Männlein schaute sie frech an und meinte: „Und warum wirfst du dann ein Märchenbuch so achtlos auf den Boden?“
Charlotte überlegte einen Moment und antwortete: „Weil ich es nicht lesen kann und ich eine saumäßige Wut deshalb im Bauch habe.“
„Dafür kann das Buch aber nichts“, sagte das Männlein. „Und zudem kann man Lesen lernen. Dafür gibt es Schulen.“
„Ich bin aber noch viel zu klein für die Schule und meine Schwester will mir auch nicht beibringen wie man liest“, sagte Charlotte traurig. Ihre Angst vor dem Männlein war schon verschwunden. Sie fand, dass es nett und sehr lustig aussah. Es war sehr lang und dünn. Es trug rote Hosen mit blauen Punkten und einen froschgrünen Pullover. Es hatte keine Haare auf dem Kopf und lustige Kulleraugen. „Wer bist du und wie heißt du?“, fragte Charlotte und streckte dem Männlein ihre Hand entgegen: „Ich heiße Charlotte.“
Das Männlein streckte ihr seine kleine Hand entgegen und sagte: „Ich bin das Buchstabenmännlein und heiße Charlie.“
„Ein Buchstabenmännlein?“ Charlotte schaute ungläubig.
„Ja, genau. In jedem Buch wohnt ein Buchstabenmännlein. Wir Buchstabenmännlein sind dafür da, auf die Bücher auszupassen, denn es sind unsere Häuser. Wir fühlen uns nur zwischen Buchstaben so richtig pudelwohl und wir lesen sehr gerne. Wir suchen uns immer wieder neue Bücher aus, in denen wir wohnen und sie zugleich lesen. So wird uns niemals langweilig.
Charlotte machte große Augen. Davon hatten ihr weder ihre Schwester, noch ihre Eltern jemals etwas erzählt.
„Das ist ein Geheimnis“, sprach das kleine Männlein weiter. „Du darfst niemandem davon erzählen. Wir sind normalerweise immerzu unsichtbar.“
„Und wieso bist du sichtbar geworden und zeigst dich mir?“, fragte Charlotte und wartete gespannt auf Charlies Antwort.
„Weil ich mich über dich geärgert habe. Ich habe mir den Kopf gestoßen, als du das Buch so weggeschleudert hast. Sowas macht man doch nicht!“
„Ja, da hast du recht. Ich mache das nie mehr wieder, ich verspreche es.“ Charlotte senkte schuldbewusst den Kopf.
„Ich habe da eine ganz großartige Idee“, sagte Charlie, dem Charlotte nun doch ein bisschen leid tat. „Wie wäre es, wenn ich dir das Lesen beibringen würde?“
Charlotte hob den Kopf, schaute das lustige Männlein an und meinte glücklich: „Das würdest du ehrlich tun?“
„Aber klar, dafür bin ich bestens geeignet. Ich bin das biegsamste Buchstabenmännlein, das die Welt je gesehen hat!“
„Wieso musst du biegsam sein, um mir lesen beizubringen?“, fragte Charlotte lachend.
„Das wirst du gleich sehen“, grinste Charlie und bog sich blitzschnell in den Buchstaben A. „Das ist ein A“, sagte er und freute sich über Charlottes erstaunten Blick. „Sprich mir nach: A!“
„A!“, sagte Charlotte und fand es toll, dass sie nun schon einen Buchstaben kannte. So ging das Männlein das ganze ABC mit ihr durch. Als Charlotte müde wurde, hörten sie auf und Charlie versprach am nächsten Tag wiederzukommen.
Als Charlotte am nächsten Tag in ihrem Zimmer saß und dabei war ein Bild zu malen, hörte sie es klopfen. Sie lauschte und versuchte herauszufinden woher die Geräusche kamen. Da sah sie, dass sich das Märchenbuch bewegte und der Buchdeckel sich langsam anhob. Sie half ein wenig nach und zack kletterte das Buchstaben- männlein heraus.
„Halli Hallo! Da bin ich wieder. Bist du bereit weiter zu lernen?“
„Hallo Charlie!“, freute sich Charlotte. „Ich habe schon auf dich gewartet und kann es gar nicht abwarten endlich Lesen zu lernen.“
„Na dann los!“, rief Charlie und hüpfte auf Charlottes Schoß und von da aus auf ihren Spieltisch.
Er zeigte ihr, wie man die Buchstaben leicht zu einem Wort zusammenfügen konnte. Er fing mit kurzen Worten an und am Ende konnte Charlotte schon einen kleinen Satz selbst lesen. Sie lernte sehr schnell, weil es ihr sehnlichster Wunsch war lesen zu können.
Das Buchstabenmännlein kam beinahe jeden Tag und nach ein paar Wochen konnte Charlotte schon selbst die Geschichten lesen, die in dem Märchenbuch standen.
Ihre Schwester Maja wunderte sich, wieso ihre kleine Schwester nicht mehr bettelte, dass sie ihr vorlesen sollte. Da konnte doch etwas nicht stimmen. Sie nahm das Lieblingsbuch ihrer Schwester aus dem Bücherregal und stattete Charlotte einen Besuch in ihrem Zimmer ab.
„Soll ich dir eine Geschichte vorlesen?“, fragte sie, setzte sich aufs Bett und schlug das Buch auf, das sie dabei hatte.
„Nicht nötig“, sagte Charlotte, „ich kann schon selbst lesen.“
„Das stimmt nicht, du gehst ja noch nicht einmal zur Schule. Was redest du da für einen Unsinn!“, sagte Maja aufgebracht.
Sie stand auf und hielt Charlotte das Buch direkt unter die Nase. „Lies!“, sagte sie böse. „Das will ich sehen, wie du dich jetzt blamierst. Hahaha!“
Charlotte nahm ihr seelenruhig das Buch aus der Hand und fing an zu lesen. Sie konnte die einzelnen Sätze sogar schon schön betonen. Sie las wirklich sehr, sehr gut und Maja konnte es nicht fassen. Ihr stand der Mund offen und sie saß ganz starr da.
„Wer hat dir das beigebracht? War das Mama?“, fragte sie erstaunt, als sie sich wieder ein wenig gefasst hatte.
„Das ist ein Geheimnis“, sagte Charlotte. „Mama und Papa waren das nicht. Ich darf nicht sagen, wer es mir beigebracht hat. Aber weißt du was? Ich habe mir etwas überlegt. Wie wäre es, wenn ich dir Pfeifen auf zwei Fingern beibringen würde?“
Majas‘ Gesicht fing an zu glühen. Sie schämte sich plötzlich ihrer Schwester nicht selbst das Lesen beigebracht zu haben und so eifersüchtig gewesen zu sein.
Sie nahm Charlotte in den Arm und sagte: „Ja, sehr, sehr gerne. Aber zuerst liest du mir ein Märchen vor. Ich bin nämlich sehr stolz auf dich.“

© Germaine Wittemann